In ihrem Garten steckt sie es in eine Plastiktüte. 40 min. später erlebt sie ihr blaues Wunder.

Dass Federica Bertocchini einmal eine wissenschaftliche Entdeckung in Bezug auf Tiere machen würde, konnte man in gewisser Weise erwarten, da dies ihrer Arbeit als Biologin entsprechen würde. Doch diese bahnbrechende Entdeckung machte die Italienerin weder im Labor noch in ihrem Fachgebiet. Lediglich per Zufall stieß sie auf die Eigenschaft eines kleinen Tieres, das eines der drängendsten Probleme unserer Zeit lösen könnte.

Als Wissenschaftlerin an der Universidad de Cantabria in der nordspanischen Stadt Santander beschäftigt sich Bertocchini mit Hühnerembryos und geht in ihrer Freizeit der Bienenzucht nach. Ihre zufällige Entdeckung bezieht sich allerdings auf eine Raupe.

Denn die Larven der Wachsmotte sind ein Ärgernis für jeden Hobby-Imker, da sie ihre Eier in den Bienenstock legt. Sobald ihr Nachwuchs schlüpft, ernährt sich dieser vom Bienenwachs.

So säuberte Bertocchini ihren Bienenstock von den lästigen Eindringlingen und warf die Raupen zunächst in eine Plastiktüte. Als sie diese endgültig entsorgen wollte, musste sie zu ihrer Überraschung feststellen, dass die Raupen geflüchtet waren, nachdem sie Löcher in die Tüte gefressen hatten.

Eine Plastik fressende Raupe war bisher unbekannt. Dementsprechend war Bertocchinis Neugier geweckt und sie begann mit ihren Kollegen, die Tiere genauer zu untersuchen – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Es zeigte sich, dass die Raupen tatsächlich in der Lage waren, eine handelsübliche Plastiktüte in verhältnismäßig kurzer Zeit zu verspeisen. In den Tests gelang es 100 Wachsmotten-Larven, 92 Milligramm einer gewöhnlichen Einkaufstüte in etwa zwölf Stunden zu fressen. Bereits nach 40 Minuten waren die ersten Löcher zu erkennen.

Eine herkömmliche Plastiktüte braucht Schätzungen zufolge 100 bis 400 Jahre zur Zersetzung, da die verwendeten Kunststoffe wie Polyethylen biologisch kaum abbaubar sind. Dass nun ein Tier gefunden wurde, das einen solchen Kunststoff derart schnell auffrisst, könnte die Wissenschaft bei der Suche nach einer Lösung des globalen Müllproblems einen großen Schritt voranbringen – wenn man sich die Eigenschaft des Insekts zu Nutze machen kann.

Dass die Raupen das Plastik wirklich auffressen und nicht einfach nur zerkleinern, konnten die Forscher bereits bestätigen. Sie vermuten, dass die Raupen über ein spezielles Enzym verfügen, mit dem sie auch das Bienenwachs verdauen können.

Die Forscher hoffen nun, dieses Enzym zu isolieren, um es im Kampf gegen den weltweiten Plastikmüll einzusetzen, von dem Schätzungen zufolge 6,4 Millionen Tonnen pro Jahr in die Ozeane gelangen.

Sollte es gelingen, dieses spezielle Enzym der Wachsmotten-Raupe ausfindig zu machen, könnte es per Gentechnik in Bakterien wie Escherichia coli oder in ozeanische Mikroorganismen wie Phytoplankton eingesetzt werden, damit diese den Plastikmüll in großem Umfang zersetzen. Allerdings ist dies noch Zukunftsmusik. Zudem ist die Aussetzung genetisch modifizierter Organismen in der freien Natur strengen Regeln unterworfen.

Zumindest an Land könnte Plastikmüll reduziert werden, indem man die Raupen in großen Mengen züchtet und sie unter kontrollierten Bedingungen auf den entsprechenden Müllhalden aussetzt. Dies wäre aber nur erfolgversprechend, wenn die kleinen Tierchen Plastik als Nahrung ansehen und sich nicht einfach nur der Flucht wegen durch die Tüte fraßen, wie die Wissenschaftler um Bertocchini selbst zugeben.

Auf jeden Fall gibt Bertocchinis zufällig gemachte Entdeckung neue Hoffnung, die Welt vom Plastikmüll zu befreien. Zwar wurde erst vergangenes Jahr ein Bakterium entdeckt, das PET-Flaschen verdauen kann, jedoch legt es dabei nicht einmal annähernd die Geschwindigkeit der Wachsmotten-Raupe an den Tag.

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